Erkundungen mit dem Laptop

«So arbeite ich». Martina Weber demonstriert, wie sie mit der Computerkamera Gegenstände auf ihrem Leuchtkasten abtastet. (Bild: Urs Bucher)

Martina Weber filmt am liebsten mit dem Laptop. Die Computerkamera bietet der St. Gallerin 1000 neue Möglichkeiten. Sie arbeitet langsam und unpräzis – und ist genau deshalb für die Künstlerin interessant. Auf den ersten Blick ist nicht klar, was das soll. Streift hier eine Kamera durch ein Hochregallager? Filmt jemand die düsteren Korridore eines Raumschiffs? Oder handelt es sich um abstrakte Aufnahmen von moderner Architektur? Die 28sekündigen Filme, für die Martina Weber einen städtischen Werkbeitrag bekommen hat (siehe Kasten), sind ein Spiel mit Formen, Licht und Schatten. Nüchtern betrachtet hat die Künstlerin mit der Laptopkamera ein Arrangement aus leeren Diakassetten und einer Bastmatte auf dem Leuchtkasten abgefilmt. Doch das Ergebnis verblüfft, weckt Assoziationen, zieht in seinen Bann. Martina Weber greift sich den Laptop, dreht ihn um und lässt ihn mit dem oberen Rand des Bildschirms kopfüber über die Tischplatte gleiten. «So arbeite ich im Moment», sagt die 38-Jährige. Bisher hantierte sie vor allem mit Beamern und Diaprojektoren, und arbeitete mehrschichtig: Sie projizierte Bilder in den Raum, an die Wand, auf Objekte, überlagerte sie mit weiteren Projektionen, fotografierte das neue Bild, projizierte erneut. Das Ergebnis waren Filme, Rauminstallationen, ausgedruckte Fotos.

Mit dem Standard-Programm. Jetzt setzt Martina Weber ihren künstlerischen Weg mit neuen Mitteln fort. «Die Arbeit mit Projektionen und Print habe ich wohl ausgereizt», erklärt die St. Gallerin. Seit ein paar Jahren nutzt sie vor allem ihre Laptopkamera und das Apple-Standard-Programm Photo Booth, um Gegenstände und Texturen zu erkunden. Das Filmen mit dem Laptop eröffne ihr 1000 neue Möglichkeiten – und schränke gleichzeitig auch ein. «Ich kann ja den Laptop zum Beispiel nicht werfen», sagt sie und lacht. Wie inspirierend der neue Arbeitsprozess sein muss, zeigt ein Blick auf ihren Desktop. Die Bildschirmoberfläche ist übersät mit ihren jüngsten Laptopvideos. Die Künstlerin filmt Gläser, die sie über ihren Leuchtkasten rollen lässt. Sie umwickelt eine Lampe mit Geschenkpapier und filmt die so entstandenen Texturen. Sie schwenkt vor der Kamera einen Handspiegel in der Luft und lässt ihn wie einen Schmetterling flattern. Sie plaziert ihren Laptop so geschickt beim Aquarium im Botanischen Garten, dass die Kaulquappen über den Bildschirm zu schwimmen scheinen.

Das Kratzen bleibt drin. So vielfältig und spielerisch die Ideen sind, so ernst nimmt es Martina Weber mit der Umsetzung. «Ich konzentriere mich voll auf meine Tools», sagt sie über ihre arrangierten Gegenstände. Fährt sie mit dem Laptop über Bastmatten, folgt sie zwar keinem Drehbuch, doch ist sie ganz auf ihre Kamerafahrten fixiert. «Zuerst bin ich jeweils noch ungelenk, nach einer Weile aber bin ich drin.» Danach editiert sie die Filme kaum mehr. Auch die Geräusche bleiben drin: Das Schaben und Kratzen des Laptops auf den Oberflächen der Tools. Nur den Anfang und Schluss der Videos – wenn Martina Weber selber jeweils kurz im Bild ist, um den Aufnahmeknopf zu drücken – schneidet sie weg. «Mich braucht’s nicht.» Es geht ums Wuseln. Bei all ihren Filmen setzt Martina Weber auf die Schwächen der Laptopkamera. «Weil die Kamera so schlecht ist, arbeitet sie unpräzis und langsam.» Die Bilderfolgen ruckeln, Formen verwischen, Farben verlaufen. Oder wie es Martina Weber ausdrückt: «Das Bild wuselt.» Und um dieses Wuseln geht es ihr, sie verwendet das Wort oft im Gespräch. Sie versteht darunter jenes Flimmern und Flirren, das von blossem Auge nicht sichtbar ist und erst beim Filmen entsteht.

Die Kamera als Mikroskop. Es wuselt, wenn Martina Weber eine Beamerlampe von vorne filmt, bis sich farbige Streifen durch das Bild ziehen. Es wuselt, wenn sie die Kamera auf die Neonröhren ihres Leuchtkastens richtet, bis es zu flimmern beginnt. Es wuselt auch, wenn sie mit dem Laptop den leeren Diakassetten entlang schrammt, bis sich Überlagerungseffekte zeigen. Wie eine Forscherin erkundet Martina Weber die Gegenstände, die vor ihr liegen. «Die Laptopkamera wirkt wie ein Mikroskop, das Bewegungen sichtbar macht.» ROGER BERHALTER, 17.8.2013 St.Galler Tagblatt

Die in St. Gallen lebende Künstlerin Martina Weber hatte im Jahr 2010 einen Förderpreis der Stadt erhalten. Nun zeigt sie unter dem Titel «Video Dia Fotografie» ihre digitalen Bildcollagen im Architekturforum.

Wer wissen will, wie die Neuen Medien die Kunst und wechselseitig die digitale Kunst gleichzeitig unsere Wahrnehmung verändert, der sollte sich die Ausstellung von Martina Weber im Architekturforum nicht entgehen lassen. Alles ist in Bewegung, flimmert – es flimmert in den Augen. Der Raum liegt in einem angenehmen Dunkel.

Um zu verstehen, wie Martina Weber als Künstlerin des Genres digitale Kunst vorgeht, ist es nützlich, sich erst mal auf Malerei einzustellen und sich die Arbeitsschritte an und auf Leinwand in Erinnerung zu rufen. Das Auftragen, Spachteln, Schichten, Kratzen und Übermalen, figurative und abstrakte Elemente, grobe und feine Striche, Schatten, Licht, Tiefen und Flächen. Mit solcherlei Vorstellungskraft, die möglicherweise gar auf dieEntstehung eines Werkes zurückführen, das einem sehr ans Herz gewachsen ist – wie malte Tintoretto «Das letzte Abendmahl», was ging in Jackson Pollock vor, als er «Nummer 32» malte? –, lässt sich der Raum im Architekturforum betreten.

Leise, wie hier alles ist. Sakrale Stille. Zu unserer Linkendie grossflächige Idylle eines grün wuchernden üppigen Gartens. Links schieben sich, fast nur als Andeutung, Balken ins Bild. Hat die Sonne der Fotografin einen Streich gespielt? Ist etwas verrutscht, überbelichtet oder gar misslungen? Spielt sie mit unserer Irritation?

Mehrfach geschichtet
Anders als eine malende Künstlerin erprobt Martina Weber die optischen Reizeffekte eines Bildträgers, eines Motivs nicht mit Farbe und Pinsel, sondern sie bedient sich der gesamten Palette digitaler Möglichkeiten mit dem Resultat, dass ihre Bildträger einen ähnlichen Effekt bei den Betrachtenden erzielen, wie das eine grossflächige Malerei tut. Man will nahe an die flimmernden Bilder heran, man will erkennen und Erklärungen dafür finden, wie das Kind seiner Zeit – Martina Weber hat Jahrgang 1975 – ihre Welt wahrnimmt und künstlerisch umsetzt. Da sind grossflächige Projektionen, mit Beamern an die Wand geworfen. Es sind Fotografien, Dias und Videoausschnitte, welche sie collageartig überlagert, neu bearbeitet, früher verwendete Elemente mit neuen kombiniert – wie ein Reisealbum, dessen Sujets, Daten und dazugehörigen Emotionen durcheinandergeraten sind – oder wie ein mehrfach übermaltes Bild.

Doch hier bestimmt das Schnelle, Rasante, der «Klick und weg»-Effekt den Rhythmus des Sehens. Kaum meinen wir nämlich, irgendetwas zu erkennen, verfremdet sich das Bild, schiebt sich schemenhaft ein neues Motiv darüber. Die aufbereiteten Montagen erschliessen Welt und Gegenwelt – reale Situationen reiben sich an fiktive; verlangsamte Sinneserfahrung kollidiert mit digitalem Tempo.

Verwischtes Sehen
Die Steckdose, Schaltelemente auf der Tastatur, Kabel, Webcam, Suchmaschine, Leuchtdioden, Dias, Fotos, – Weber eignet sich die heiligen Kühe einer schnelllebigen Kommunikationsgesellschaft an, wie sich die Alten Meister wohl in Schriften vertieft hatten. Alle ihre grossformatigen Projektionen sind gleichzeitig wie Fenster in eine Aussenwelt. Eine schiebt sie kantengenau in den Raumwinkel.

Wir sehen eine horizontal verlaufende Fläche, sandfarben, das Auge will ausruhen, doch die kurze Idylle reisst jäh, im nächsten Augenblick rattert Schrundiges (Aufnahmen von einem Gletscher) darüber, um wenig später von einem unbarmherzigen Raster überzogen zu werden, als stanze eine Stickmaschine ein Lochmuster hinein. Martina Weber, die in Basel Kunst und Medienkunst studierte, weiss um den Zustand der/ihrer Welt.

Text: Brigitte Schmid-Gugler, “Ein Kind ihrer Zeit”, St.Galler Tagblatt, 21.5.2012, PDF